„Doomscrolling“: Warum das endlose Scrollen durch Katastrophenmeldungen existenzielle Ängste schürt
Eine Studie der Flinders University mit 800 Teilnehmenden aus zwei Ländern belegt: Das zwanghafte Verfolgen von Unglücks- und Krisennachrichten befeuert existenzielle Ängste und lässt die Welt als feindseligen, unkontrollierbaren Ort erscheinen.
Auf Social Media pausenlos Katastrophen- und Kriegsmeldungen zu konsumieren, korreliert eng mit existenziellen Ängsten über Sterblichkeit, Sinnverlust und das Gefühl völliger Machtlosigkeit. Dies belegt eine internationale Vergleichsstudie an 800 Studierenden aus zwei unterschiedlichen Kulturen.
Der Begriff „Doomscrolling“ verschmilzt das englische „Doom“ (Unheil, Untergang) mit „Scrolling“ (Herunterwischen auf dem Display). Er beschreibt das zwanghafte Weiterscrollen durch düstere Schlagzeilen, obwohl man spürt, wie es einem seelisch zusetzt. Das Phänomen explodierte während der Pandemie 2020 im weltweiten Sprachgebrauch.
Reza Shabahang und sein Forscherteam von der Flinders University in Australien publizierten ihre Ergebnisse 2024 im Fachjournal Computers in Human Behavior Reports. Sie befragten 800 Studierende aus den USA (individualistische westliche Kultur) und dem Iran (kollektivistische östliche Kultur) – die erste Untersuchung, die Doomscrolling aus einer explizit existenziellen Perspektive beleuchtete.
In beiden Kulturkreisen stand Doomscrolling in engem Zusammenhang mit existenzieller Angst vor dem Tod, dem Zweifel am Sinn des Daseins und dem Gefühl fehlender Kontrolle über das eigene Schicksal. In der iranischen Stichprobe sagte Doomscrolling zudem Misanthropie – eine tief sitzende Abneigung und Skepsis gegenüber Mitmenschen – signifikant voraus; in den USA zeigte sich dieser Trend in etwas abgeschwächter Form. Die Forscher deuten dieses Muster als „sekundäre Traumatisierung“ (Vicarious Trauma): Auch wenn man die Gräueltaten nicht leibhaftig erfährt, erzeugt die permanente Konfrontation mit rohen Schockbildern und Notlagen reale Belastungssymptome wie Verzweiflung und Hilflosigkeit.
Da es sich um eine Fragebogenstudie handelt, bilden die Daten robuste Zusammenhänge ab. Ob das Doomscrolling die Angst erzeugt oder ängstliche Menschen vermehrt nach Schreckensnachrichten suchen, lässt sich nicht trennen. In der Praxis schaukeln sich beide Mechanismen gegenseitig auf.
Jemand wacht morgens auf und verbringt die ersten 45 Minuten im Bett damit, Videos von Kriegsschauplätzen und Naturkatastrophen anzuschauen. Beim Aufstehen liegt die Welt wie ein unbezwingbarer, bedrohlicher Ort auf seinen Schultern – jede Lebensenergie ist bereits vor dem Frühstück verpufft.
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